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1945 - 1969

Demokratischer Neubeginn und institutionelle Grundlegung

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Deutschland vor einer großen Aufgabe: Die Erfahrungen mit dem Scheitern der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur hatten deutlich gemacht, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern von informierten, verantwortungsbewussten und engagierten Bürger*innen lebt.

Vor diesem Hintergrund schlossen sich Volkshochschulen und Gewerkschaften zusammen, um die politische Bildung in der jungen Bundesrepublik zu stärken. Ziel war es, Menschen zu befähigen, gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen, demokratische Werte zu leben und Verantwortung in Arbeitswelt und Gesellschaft zu übernehmen.

Auch berufliche Bildung und das Nachholen von Abschlüssen waren notwendige Maßnahmen in der Wiederaufbauzeit, bis heute sind sie ein wichtiger Teil des Angebotsportfolios.

1948

Gründung der ersten Landesarbeitsgemeinschaften Arbeit und Leben

Im Jahr 1948 entsteht in Niedersachsen die erste Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben. Weitere Gründungen folgten in Nordrhein-Westfalen (1949), Berlin (1951) und Bayern (1951).

Die einzigartige Struktur – bestehend aus dem Zusammenschluss von Gewerkschaften und Volkshochschulen – ermöglicht beiden Trägern neue Zugänge: Gewerkschaften öffnen ihre Bildungsarbeit über Funktionärsschulungen hinaus, Volkshochschulen erweitern ihre Zielgruppen systematisch auf Arbeitnehmer*innen. So bringen sie das gemeinsame Ziel voran, Arbeitnehmer*innen bessere Chancen zur Partizipation und Qualifikation in Arbeitswelt und Gesellschaft zu ermöglichen.

Die Vorstände der Arbeit und Leben Vereine waren – und sind es bis heute – paritätisch aus Mitgliedern von DGB und Volkshochschulen besetzt.  Diese Struktur ist nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal von Arbeit und Leben.


Copyright: Der Bund – Gewerkschaftsstimme, Hannover, Juni 1949

1951

Beginnende Zusammenarbeit auf Bundesebene

Ausgehend von der Landesebene verfolgen Vertreter*innen des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Deutschen Volkshochschulverbandes eine bessere Abstimmung der Aktivitäten auf Bundesebene und gründen 1951 mit der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben“ erstmals eine bundesweite Koordinierungsstruktur.

Die frühe Phase ist von programmatischer Selbstverständigung geprägt. Angesichts der Aufgabe, nach der nationalsozialistischen Diktatur eine demokratische Kultur aufzubauen und zu festigen, wird politische Bildung als eigenständiges Feld zwischen gewerkschaftlicher Funktionär*innenbildung und allgemeiner Erwachsenenbildung positioniert.

Werbeplakat von Arbeit und Leben Niedersachsen, Anfang der 1950er Jahre

Copyright: Arbeit und Leben Niedersachsen

1952

Haushamer Erklärung – ein erstes Selbstverständnis-Papier

In Hausham (Oberbayern) wird das Bekenntnis zu einer sozialen Demokratie festgeschrieben. Politische Bildung sei notwendig „angesichts der sozialen, politischen und völkerrechtlichen Situation“ der Bundesrepublik. Volkshochschulen und Gewerkschaften werden als besonders berufen beschrieben, demokratische Verantwortung zu tragen, indem sie Menschen zur Mitverantwortung und Mitbestimmung im öffentlichen Leben befähigen.

Haushamer Erklärung

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben
Haushamer Erklärung (Seite 10)

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben
Haushamer Erklärung (Seite 8)

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben

1956

Gründung des Bundesarbeitskreises Arbeit und Leben

Arbeit und Leben gibt sich am 22. Februar 1956 eine Vereinsstruktur, die auf eine bundesweite Zusammenarbeit setzt. Dazu wird als feste Organisationsform der „Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben“ gegründet. Gründungsmitglieder sind die bereits bestehenden Landesarbeitsgemeinschaften Bayern, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Noch im selben Jahr treten Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen bei. 1961 folgt das Saarland, 1962 Hamburg.

Eine erste Geschäftsstelle wird als Bürogemeinschaft mit Arbeit und Leben Hessen in Frankfurt am Main eingerichtet und ein pädagogischer Ausschuss nimmt die Arbeit auf. Dieser erhält die Aufgabe, den gewählten Vorstand des Vereins zu beraten und einen für die politische Jugendbildung zuständigen Tutor zu unterstützen. Die Geschäftsstelle zieht mit dem Wechsel des Vorsitzes an den nordrhein-westfälischen DGB- und Arbeit und Leben Landesvorsitzenden Peter Michels 1959 nach Düsseldorf, wo auch der DGB-Bundesvorstand seinen Sitz hatte.

Zeitliche Abfolge der Beitritte der Landesarbeitsgemeinschaften ...

Die beiden Gründungsvorsitzenden Ernst Witzell (l.) und Otte Scheugenpflug (r.) mit dem ersten Geschäftsführer des Bundesarbeitskreises, Roland Petri; 1959.

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben
Gründungsprotokoll

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben

1957

Bundesjugendplan (heute Kinder- und Jugendplan des Bundes)

Von Beginn an war eine der Hauptaufgaben des Bundesarbeitskreises die Einwerbung von Fördermitteln, insbesondere solcher aus dem Bundeshaushalt, hier aus dem Bundesjugendplan. Im Jahr 1957 stammen 83 % des Gesamthaushalts aus dieser Förderung. Sie ermöglicht den Aufbau hauptamtlicher Strukturen mit einem Bundestutor sowie die Einstellung von zunächst sieben Jugendbildungsreferent*innen in den Landesarbeitsgemeinschaften. Ende der 60er Jahre hatte sich die Zahl der Jugendbildungsreferent*innen bereits auf 15 erhöht. Die pädagogischen Aufgaben des Tutors gingen 1983 in die Verantwortung der Bundesgeschäftsführung über.

Da andere Drittmittel noch weitgehend ausblieben, entstand eine beinahe selbstverständliche Fokussierung auf die politische Jugendbildung, die zeitweise stark auch das Selbstverständnis und die Arbeit des Bundesarbeitskreises prägte.

Beginn der Ost-West-Seminare in Berlin

Im Zuge des sogenannten „kalten Krieges“ beeinflussten Ost-West-Seminare, die regelmäßig in Berlin stattfanden, ebenfalls das Profil des Verbandes. Ein Jahr nach der Vereinsgründung richtet der Bundesarbeitskreis eigens ein Organisationsbüro in Berlin ein. Zwischen 1957 und 1964 nahmen rund 23.000 Jugendliche an diesen Seminaren teil. Mehr als 60% der Teilnehmenden waren junge Arbeitnehmer*innen zwischen 16 und 25 Jahren.

Copyright: By Bundesarchiv, Bild 183-38678-0006 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5352543
Jugendliche, 1956

Copyright: By Bundesarchiv, Bild 183-38678-0006 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5352543
Die Berlin-Seminare des Arbeitskreises Arbeit-und-Leben, 1957-1964

Copyright: Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben

1963

Internationalisierung der Bildungsarbeit

Mit der Einrichtung eines Europa-Informationsdienstes 1963 und dem Start des deutsch-französischen Jugendaustauschs erweitert der Bundesarbeitskreis das Tätigkeitsfeld seiner Bildungsarbeit in den europäischen Raum.

Neben Studienseminaren nach Berlin und in die DDR führen Reisen und Begegnungen zunehmend auch in osteuropäische Länder wie die Tschechoslowakei, Polen, Ungarn oder Jugoslawien. Internationale Begegnungen und europäische Bildungsarbeit entwickeln sich damit zu einem weiteren Bestandteil der Arbeit von Arbeit und Leben.

Aus diesen frühen Ansätzen entsteht über die Jahrzehnte ein vielfältiges internationales Bildungsangebot, von Jugendbegegnungen mit Ländern wie Polen, Russland und Griechenland bis hin zu europäischen Mobilitätsprogrammen, die heute insbesondere im Rahmen von Erasmus+ eine wichtige Rolle spielen.

Auch die Förderung durch das Auswärtige Amt spielte zeitweise eine wichtige Rolle für die internationale Bildungsarbeit. Sie unterstützte insbesondere die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen in Osteuropa sowie den europäisch-islamischen Kulturdialog.

Französische Jugendgruppe auf dem Weg nach Freiburg

Copyright: By Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 103105b / Fotograf: Willy Pragher, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=171929893

1966

Der Bundesarbeitskreis übernimmt das Gästehaus Marathonallee in Berlin

Mit wachsenden Teilnehmendenzahlen entstand Anfang der 1960er Jahre der Bedarf nach einer zentralen Unterbringungs- und Bildungsstätte für die Berlin-Seminare. Nachdem das Gästehaus in der Marathonallee bereits einige Zeit für die Unterbringung der Seminargruppen angemietet worden war, übernahm der Bundesarbeitskreis zum 1. Januar 1966 das sogenannte „Haus der Zukunft“ in der Marathonallee 133 in eigene Regie. In den kommenden Jahren wurde das Haus zum Zentrum der Berliner Arbeit und diente neben den Berlin-Seminaren auch Wochenendveranstaltungen der Landesarbeitsgemeinschaft Berlin sowie dem deutsch-französischen Jugendaustausch.

Noch 1971/72 wurde das Gästehaus mit Unterstützung des zuständigen Bundesministeriums renoviert. Aufgrund wiederkehrender personeller und finanzieller Probleme wurde der Mietvertrag Ende 1974 jedoch schließlich nicht verlängert, das Haus aufgegeben und die Unterbringung der Seminarteilnehmenden wieder anderweitig organisiert.

Das Gästehaus in der Marathonallee in Berlin.

Copyright: Bundesarbeitskreis

Copyright: Bundesarbeitskreis

1966

Bundesweite Vernetzung

Arbeit und Leben gehörte im Jahr 1966 zu den Weiterbildungsorganisationen, die den „Arbeitsausschuss für politische Bildung” gründeten, aus dem später der „Bundesausschuss für politische Bildung (bap)” hervorgegangen ist, gewissermaßen die Interessenvertretung der außerschulischen politischen Bildung in der Bundesrepublik. Der Bundesarbeitskreis arbeitet seither konstruktiv an der Weiterentwicklung von politischer Bildung in Deutschland und der Interessenvertretung der Träger der politischen Bildung mit.

Der frühere Bundesgeschäftsführer Theo Länge war mehr als 20 Jahre zunächst als stellvertretender Vorsitzender und von 1995-2009 als Vorsitzender des bap aktiv. Barbara Menke engagierte sich seit 2008 in der Arbeitsgruppe „Grundsatzfragen der politischen Bildung“ im bap. Ab November 2011 gehörte sie dem Vorstand an, von 2015 bis 2021 als Vorsitzende. Seit 2018 ist Konstantin Dittrich in der GEMINI aktiv, seit 2021 Teil des Sprecher*innenteams und seit 2024 Mitglied des bap-Vorstands.

1. Kongress zur Politischen Bildung 1966.

Copyright: Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB)
1. Kongress zur Politischen Bildung 1966.

Copyright: Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB)